Interview mit Klaus Maria Knichel

Interview mit Klaus Maria Knichel

geführt von Christine Gringel

 

1. Kannst Du Dich unseren Lesern vorstellen?

Vor etwa zehn Jahren beschlossen meine Lebenspartnerin und ich, gemeinsam mit unserem damals vierjährigen Sohn, unter dem Motto „auf zu einer weiteren Runde auf dem Lebenskarussel“ das
Rheinland zu verlassen und nach Berlin zu ziehen. Diese Entscheidung haben wir, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass man hier, entgegen vieler Vorurteile gegen Berlin, durchaus auf zahlreiche offene, warmherzige und humorvolle Menschen trifft, noch keinen Augenblick bereut.

2. Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Meine Begeisterung für die Kunst wurde bereits in meiner Kindheit geweckt. Geboren in Bonn, wuchs ich in einem kulturell interessierten, großbürgerlichen Elternhaus auf. Wir lebten in einem
großen Altbau, der voll war mit alten Bildern, Antiquitäten und großformatigen Kopien nach Tizian, Raffael, Gorgione etc., einer Erbschaft aus sog. „besseren Zeiten“. Mit ungefähr zwölf begann ich, mich dafür zu interessieren, was auf den Bildern dargestellt war und wie die Künstler es geschafft hatten, unsere augenscheinlich dreidimensionale optische Realität so überzeugend in zwei Dimensionen zu präsentieren. Irgendwann probierte ich es selbst und begann Ausschnitte aus den Bildern abzuzeichnen. Das war der Beginn einer langen Suchtgeschichte, die bis heute anhält. Deutlich erinnere ich mich auch noch an ein weiteres freudvolles Ereignis: meine Mutter schenkte mir ein Quartett, in dem berühmte Kunstwerke der Renaissance beschrieben und ihren Urhebern zugeordnet werden mussten. Bedauerlicherweise wollte nach kurzer Zeit niemand mehr mit mir dieses Quartett spielen, weil ich es in- und auswendig kannte und regelmäßig gewann.

3. Wie verlief Deine Kunstrichtung?

Je intensiver ich mich auf die Kunst einließ und meine malerischen und zeichnerischen Aktivitäten zunahmen, umso deutlicher wurde mir meine Neigung zu einer Richtung, die der Phantasie, dem Skurilen, bzw. dem sog. Un- oder Unterbewussten großes Interesse entgegenbringt. Der Beginn dieser Tradition lässt sich kunsthistorisch von den altrömischen Grotesken über den Manierismus (16. Jhd.) und Symbolismus (spätes 19. Jhd.) bis zum Surrealismus (20. Jhd.) und heutigen diversen Ausprägungen verfolgen. Schließlich war mein Interesse für die Kunst so groß, dass ich – alle ernsthaften und tief besorgten Einsprüche meiner Familie in den Wind schlagend – begann, Kunstgeschichte und Philosophie, sowie am Bonner Kunstwissenschaftlichem Institut Techniken der Malerei und der Zeichnung zu studieren. Nach einiger Zeit wurde mir – wieder zur Besorgnis meiner Familie – klar, dass ich lieber als freier Künstler denn als Kunsthistoriker arbeiten wollte. Auch das war eine Entscheidung, die ich Gott sei Dank nur äußerst selten und vorübergehend zu bedauerte.

4. Wie bist Du auf unsere hörbehinderten Hobbymaler aufmerksam
geworden?

Aufmerksam wurde ich durch eine gute Bekannte meiner Lebenspartnerin. Gaby W. kennt meine Arbeiten und sie erzählte mir eines Tages von der Gruppe und ihrem Eindruck, dass fachliche
Unterstützung gut täte. Da ich der Meinung bin, dass Menschen, die reich beschenkt wurden auch weitergeben sollten, wagte ich den Schritt und wurde sofort offen und herzlich aufgenommen.

5. Warum macht es Dir so viel Spaß, die Gruppe mit Rat und Tat zu unterstützen?

Das Schönste ist und ich glaube das ist nun wahrlich keine Selbstverständlichkeit: diese Stimmung der offenen Herzlichkeit hat sich bis heute unverändert gehalten. Diese Gruppe von ausgesprochenen Individualisten, die auch künstlerisch ganz unterschiedliche Wege gehen und
Positionen vertreten, zeigt sich geeint in ihrem Interesse für Kunst, aber auch wegen ihrer Offenheit für jeden Einzelnen und von allen wohlwollend begleitet und motiviert wird. Der Wunsch im kreativen Schaffen, Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, den eigenen Ausdruck zu finden und zu perfektionieren, erfordert oft ein ernsthaftes Ringen. Dieses verunsichernde Ringen
entgeht keinem Künstler und jeder Künstler kennt das frustrierende Gefühl zeitweilig von den Musen ignoriert zu werden und Rückschläge hinnehmen zu müssen. Aber gerade hier zeigt sich die Gruppe durch eine Eigenschaft wehrhaft, die von unschätzbarem Wert ist und eine wunderbare Arbeitsatmosphäre schafft: sie hat, trotz aller Schwierigkeiten echten Humor und gewährleistet dadurch immer eine lockere, positive Stimmung! Wie soll ich es sagen: dass ich die Gruppe begleiten darf, betrachte ich unbedingt als einen Gewinn und manches Mal habe ich das Gefühl, dass ich mehr zurückkriege, als ich selber im Stande bin zu geben.

6. Was erhoffst Du Dir von der Zukunft?

Für die Gruppe wünsche ich mir, dass wir uns alle noch lange gesund und munter treffen, weiter arbeiten und die Gemeinschaft und unsere künstlerischen Fortschritte genießen. In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen, Zweckrationalitäten und kurzfristigen Nützlichkeitserwägungen bestimmt ist, hoffe ich, dass der, wenn vielleicht auch nicht ganz kurzfristige Nutzen von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie etc. doch nicht völlig und ganz aus den Augen gerät. Die humanisierende und pazifizierende Kraft der Kunst und ihre Fähigkeit, dem Geist großmögliche Beweglichkeit und Kreativität zu verleihen, scheint mir in der Bewältigung anstehender und zukünftiger gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen unverzichtbar.